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Werner Schrader als Lehrer

(von Dr. Brigitte Vohmann)

Werner Schrader wurde am 16.10.1935 nach den Herbstferien wieder in den Schuldienst am Anna-Vorwerk-Oberlyzeum in Wolfenbüttel eingestellt. Er wurde Klassenlehrer der Quinta mit den Fächern Deutsch und Geschichte.

Schon seit 1921 war er an dieser Schule und hauptsächlich an der organisatorisch mit ihr eng verknüpften Oberrealschule als Lehrer tätig gewesen, bis er wegen „besonderer Vorkommnisse“ am 29.3.1933 vorläufig entlassen wurde.
Das eigentliche Vorkommnis war seine Inhaftierung durch das NS-Regime, die erfolgt war, nachdem er als Stahlhelmführer des Landes Braunschweig mit seinen Stahlhelmkameraden in offene Konfrontation zu dem braunen Regime getreten war. Der Stahlhelm wurde zwar bald liquidiert, aber Schrader hatte sich politisch zu stak exponiert, um nach seiner Haftentlassung gleich wieder in den Schuldienst eingestellt zu werden. Nach scheinbarer Beruhigung der politischen Turbulenzen und nicht zuletzt durch die Intervention des Direktors der beiden Schulen in Wolfenbüttel, Dr. Naumann, der Schrader als überdurchschnittlich befähigt und im Kollegium sehr geachtet charakterisierte, erfolgte also im Herbst1935 sein Wiedereintritt in den Schuldienst. Wie Dr. Naumann, der nicht PG war, verhielt sich auch seinerzeit das übrige Kollegium weitgehend politisch zurückhaltend und eher konservativ. Erst später unter dem Direktorat des SA-Sturmhauptführers Knochenhauer, wurden die Schüler stärker politisch indoktriniert.

Schrader wurde nun in der Mädchenschule eingesetzt, obwohl er schon 1931 die damalige Direktorin Hasse gebeten hatte, ihn aus dieser abzulösen, da er sich als nicht geeignet für Mädchen ansah. Ich war damals Schülerin in der Quinta, die Schrader übernahm. Es ist mir und auch anderen ehemaligen Schülerinnen der Klasse im Nachhinein nicht begreiflich, dass er sich als ungeeignet für Mädchen empfand. Dieser Selbstzweifel ist wohl kennzeichnend dafür, mit welchem Verantwortungsgefühl und welchem Ernst er seine Aufgabe, ja seine Berufung als Lehrer begriff.

Er hatte unsere Klasse sehr bald in der Hand und brachte uns mit Einfühlungsvermögen, angeborenem Pädagogischen Fingerspitzengefühl und Herzensgüte dazu, Ehrgeiz zu entwickeln und nicht stumpfsinnig zu pauken, sondern mit Interesse zu lernen. Er konnte Unterricht spannend und interessant machen. Für mich faszinierend und aufregend, deswegen am besten im Gedächtnis geblieben, war seine Darstellung der alten Griechischen Geschichte. Die Bedeutung der griechischen Antike für die Kultur des Abendlandes wurde von uns Zwölfjährigen wohl kaum begriffen. Wie er sie uns aber präsentierte und die alten Sagen ausmalte, wurde in jeder Stunde zu einem spannenden Erlebnis. Ich glaube, wir sind alle mit Leonidas in den Thermopylen gestorben. Gleichzeitig lasen wir im Deutschunterricht Homer mit den Abenteuern von Hektor und Odysseus und lernten klaglos ganze Kapitel auswendig, deren schwingende Hexameter dann vor der Klasse vorgetragen wurden.

Sein Unterricht war – er mußte immer noch vorsichtig sein- ohne zeitgemäße politische Tendenzen. In den Schulstunden saß er oft auf dem Tisch einer der vorderen unserer schlichten Holzzweisitzerbänke, die Füße auf den Sitz gestellt. Er befand sich damit unter uns – nicht im Kathederabstand – überragte uns aber in angemessener Weise, und jede hatte das Gefühl direkt von ihm angesprochen zu werden. Dass er damals noch oder schon wieder unter starkem politischen Druck stand, war ihm nicht anzumerken. Wenn er etwas rügen oder korrigieren musste, so geschah das auf differenzierte angemessene Weise, so dass sich die Betroffenen nie diskriminiert fühlten, sondern einsahen, dass sein Tadel berechtigt war. Wir fanden es auch nicht diskriminierend, wenn er gelegentlich kontrollierte, ob wir saubere Taschentücher mit uns führten.

Schulkinder unseres Alters damals – wohl auch heute- sehen den Schulbesuch noch nicht unbedingt als ernste und notwendige Vorbereitung für das Erwachsenenleben an. Sie wissen auch meistens noch nicht, welche Schulfächer später für den Beruf oder sonstige Neigungen wichtig sein können. Am Liebsten lernen sie daher für die Fächer des Lehrers, den sie auch am liebsten mögen. Schrader hat mit Sicherheit gewußt, unser Verhalten zeigte es ihm deutlich, dass wir ihn vor allen anderen Lehrern verehrten. Er führte und leitete uns jedoch so, dass wir auch die Wichtigkeit anderer Fächer einsahen und uns bemühten, überall gute Schülerinnen zu sein. Gelegentlich kam es aber doch zu harmlosen Streichen gegen gewisse andere Lehrer, die von diesen manchmal unverhältnismäßig übel genommen wurden. Unser Klassenlehrer, der mehr Verständnis für kindlich Albernheiten aufbrachte, konnte meistens die Animositäten, die bei den betroffenen Kollegen entstanden waren wieder ausbügeln, natürlich nicht, ohne uns unser unziemliches Verhalten dann in seiner Art zu kommentieren.

Unsere Liebe zu diesem Lehrer führte natürlich dazu, dass wir alles, was er tat und sagte, unkritisch für gut und richtig hielten. Normale Gewohnheiten, Eigenschaften und Äußerlichkeiten wurden von uns bei ihm in besonderer Weise wahrgenommen. Sein Hut beispielsweise, den er auch gelegentlich einer Schülerin überstülpte, war nicht das Modell, das andere Lehrer trugen. Der Raucher Schrader konsumierte nicht irgendeine ordinäre Zigarette, sondern die hochfeine Kyriazi, ein Orientprodukt in sehr eleganter Packung, was wir als besonders edel und stilvoll empfanden. Werner Schrader kam jeden morgen mit seinen Kindern in einem DKW-Meisterklasse aus Halchter, wo er mit seiner Familie auf einem Bauernhofe wohnte, nach Wolfenbüttel gefahren. Dieses war damals unüblich, da die Lehrer eigentlich am Schulort wohnen sollten. Wenn er unterwegs Schülerinnen überholte, hielt er an und lud ihre Schultaschen in sein Auto, damit sie unbeschwert weitergehen konnten.

Schraders Tätigkeit am Wolfenbüttler Lyzeum und als unser Klassenlehrer – nun in der Quarta- endete ohne Vorwarnung und für uns völlig unerwartet. Er wurde Ende November 1936 plötzlich zu einer „Auswahlübung“ von zunächst unbekannter Dauer zur Wehrmacht nach München einberufen. Offensichtlich konnte oder wollte (?) er sich nicht mehr von uns – seiner Klasse- verabschieden. Von anderen vernahmen wir die Hiobsbotschaft. Wir empfanden diesen plötzlichen Weggang unseres Lehrers als Katastrophe und wollten nicht begreifen, wieso er für die Wehrmacht WICHTIGER SEIN SOLLTE ALS FÜR UNS: Dass er durch diese Einberufung in letzter Minute einer unmittelbar bevorstehenden Verhaftung durch die Gestapo mit für ihn unabsehbaren Folgen entzogen wurde, wußten wir damals natürlich nicht.

Sicherlich war nach diesem Schock unsere Klasse für andere Lehrer ziemlich unleidlich und der aus Braunschweig neu an die Schule beorderte Nachfolger hatte es zunächst bestimmt nicht leicht mit uns und musste viel Geduld aufwenden, bis wir uns gefangen hatten und langsam wieder normal wurden. Natürlich überlebten wir den Schicksalsschlag. Und als der Hauptmann Schrader später einmal - nun in Uniform – im Wolfenbüttler Schloß erschien, war das eine Sensation für die Schule und wir waren sehr stolz.

Während seiner kurzen Tätigkeit als Lehrer unserer Klasse hat Schrader uns selbstverständlich die Kenntnisse übermittelt, die in dem jeweiligen Fachpensum vorgeschrieben waren, und deren unterschiedliche Erfassung durch die einzelne Schülerin in der Zeugnisnote zum Ausdruck kam. Mit keiner Note lässt sich jedoch ausdrücken, wie stark unsere menschliche und charakterliche Bildung durch seine Arbeit an uns geprägt wurde, mit der er versuchte, uns Zwölfjährige zu aufrechten, ehrlichen und doch bescheidenen Menschen zu erziehen. Unserem Alter unangemessene Eitelkeiten, Angebereien und Sichaufspielen, besonders aber frühreifes Gerede und Getue, waren ihm verhasst. In solchen Fällen konnte er deutlich, selten auch heftig werden.

Normalerweise war der Ton im Unterricht bei allem Respekt locker und unbefangen. Wenn Schrader mit verschmitztem Gesicht zur Auflockerung der Stimmung oder zur Verdeutlichung eines vielleicht schwierigen oder langweiligen Unterrichtsgegenstandes in seiner Rede eine Glosse oder einen Spass einfügte, konnte herzlich gelacht werden. Er gehörte zu den Erziehern, , die schon allein durch ihr normales persönliches Auftreten und die Art und Weise, in der sie mit ihren Schülern reden und umgehen, diese zwanglos und automatisch zu offenem und vertrauensvollem Verhalten ihrem Lehrer gegenüber brachten. Werner Schrader mit seiner politischen Vergangenheit und seiner ungeheuren Skepsis gegenüber der politischen Gegenwart und Zukunft unseres Vaterlandes mag damals schon geahnt haben, dass die jungen Menschen, die seine Schülerinnen waren, für die späteren Jahre viel Tapferkeit und Charakterfestigkeit brauchen würden. Vielleicht hat diese Ahnung die Intensität seiner Bemühungen beflügelt.

Die Schloßschule in Wolfenbüttel hatte für uns gute und redliche Lehrer, deren Anliegen es war, uns wohlvorbereitet in das Leben zu entlassen. Schrader ist - trotz seiner relativ kurzen Wirkungszeit – die Lehrerpersönlichkeit geblieben, die bei uns heute fast 80-jährigen den stärksten Eindruck hinterlassen hat.

Ich sah Schrader zum letzten Mal Anfang 1944. Während eines Urlaubsaufenthaltes in der alten Heimat hatte er sich mit meinem Vater, mit dem ihn die alte Stahlhelmkameradschaft verband, in Verbindung gesetzt. Mein Vater war damals Chefarzt der Wolfenbüttler Lazarette und begleitete ihn auf einer Fahrt in die Herrmann-Göring-Werke Salzgitter, wo sie die Flak-Stellung besuchten, in der mein Bruder als Luftwaffenhelfer Dienst tat. Dieser Besuch war wahrscheinlich nur ein Vorwand; möglicherweise hatte oder suchte er Kontakt zu einem der Direktoren der Reichswerke. Zu dieser Zeit war er längst in der Widerstandsbewegung aktiv.

Am Nachmittag dieses Tages hielt sich das Ehepaar Schrader noch zu einem Besuch in unserem Haus in Salzdahlum auf. Ich studierte damals an der TH Braunschweig und Schrader ließ sich von mir über meine Studien- und Berufspläne erzählen. Etwa ein Jahr vorher – im Februar 1943 – war in München der Studentenputsch der Geschwister Scholl und ihrer Freunde gescheitert. Schrader brachte dieses Ereignis ins Gespräch und ich habe bis heute nicht vergessen, mit welchem Ernst und welcher Eindringlichkeit er mich warnte, mich je in derartige Aktivitäten einzulassen. Der Schollputsch zeige, wie solche Unternehmungen enden müssten. Mit keinem Wort aber sprach er eine persönliche Verurteilung oder gar Verachtung dieser jungen Studenten aus. Einige Monate später, nach dem 20. Juli 1944, wurde offenbar, dass auch für ihn die unerbittliche Konsequenz eines mißlungenen Putsches gegen das NS-Regime gelten musste.......

Dieser Bericht beruht auf meinen Erinnerungen, die durch Gespräche mit anderen noch in und um Wolfenbüttel lebenden Klassenkameradinnen ergänzt wurden.
Wenn das Bild dieses Mannes vielleicht etwas einseitig oder gar verklärt erscheint, so mag das daran liegen, dass nach mehr als 60 Jahren die Erinnerungen doch etwas lückenhaft geworden sind.
Ich hatte ausserdem die Möglichkeit, im Niedersächsischen Staatsarchiv in Wolfenbüttel das umfangreiche Aktenmaterial über Werner Schrader einzusehen.. Die hier entnommenen Daten und Fakten aus seinem Lebenslauf führten für mich zur Klärung einiger Zusammenhänge und festigten und vervollständigten meine eigenen Erinnerungen.