„Es ist doch etwas Großes um unser Schloß, 
und Du gehörst ihm an!“ 

 - 100 Jahre Schlösserbund -

„Schon eine ganze Weile liegen Sie hinter uns, jene Tage, die über alles Erwarten bewiesen haben, wie der alte Schloßgeist in Hunderten von alten und jungen Herzen lebt und sie knüpft an die Stätte, wo er ihnen zuerst entgegengetreten und sie unmerklich umsponnen hat. Wer könnte jene Tage erlebt haben, ohne daß er sich mit Stolz gesagt: „Es ist doch etwas Großes um unser Schloß, und Du gehörst ihm an!“

Diese pathetischen Worte sind auf dem Titel des „Herbstblattes“, Nr. 128 der „Blätter aus dem Schlosse“ vom  November 1919, zu finden. Das gesamte Herbstblatt steht im Zeichen gemeinsamer Erinnerungen an das Schulleben und berichtet über zwei besondere Ereignisse, die im September 1919 stattfanden: der „Schlössertag“ und die Gründung des „Bundes alter Schloßschülerinnen“.

Am 27. und 28. September 1919 fand in den Räumen des Schlosses der erste „Schlössertag“, die Zusammenkunft ehemaliger Schülerinnen der Schloßanstalten, statt. Zu diesem Anlass war eigens ein Festausschuss gegründet worden, der sich um die Planung und aufwendige Durchführung des großen Festes kümmerte. 400 Anmeldungen waren eingegangen und bestätigten den Organisatorinnen damit eindringlich die Verbundenheit ehemaliger Schülerinnen und Lehrerinnen mit dem Schloss. Neben Musik, Ansprachen und gemeinsamem Feiern war ein Programmpunkt dieser zweitägigen Festveranstaltung die Gründung des Schlösserbundes. Unter dem Titel „Wie die Satzungen des Bundes alter Schloßschülerinnen entstanden sind“, wird im „Herbstblatt“ auch über die Beweggründe dieser Vereinigung Auskunft gegeben: 

„Weil keine Ordnung mehr in unserem armen, zu Grunde gerichteten deutschen Vaterlande zu finden ist, müssen alle, die deutsch fühlen, doppelt auf Ordnung in ihren kleinen Kreisen halten. So haben auch die gedacht, die die Gründung des Bundes alter Schloßschülerinnen vorbereitet haben.“ 

Mit diesen zeittypischen nationalistischen Tönen wird von den Vorbereitungen zur Gründung des Schlösserbundes berichtet. Lehrerinnen, ehemalige Lehrerinnen und ehemalige Schülerinnen fanden sich im Jahr 1919 zusammen, um einen geeigneten Zusammenschluss ehemaliger Schülerinnen des Schlosses ins Leben zu rufen. Die Damen hatten sich im Vorfeld ausführlich beraten und über die Namensgebung, den Sinn und Zweck und die Details der ersten Satzung ausgetauscht. Sollte man sich „Verein“ oder „Bund“ nennen, waren es „alte“ oder „ehemalige“ Schülerinnen und ging es um wissenschaftliche oder künstlerische Förderung – diese Fragen galt es zu klären, bevor die Gründung offiziell werden konnte.

Eine Satzung wurde vorbereitet und dem neuen Bund zugrunde gelegt.

„Im Sturm der Zeit“

Zur Gründung des „Bundes ehemaliger Schloßschülerinnen“ hielt die ehemalige Lehrerin de la Camp ein Festansprache, die noch einmal deutlich machen sollte, warum dieser Zusammenschluss gerade im Jahr 1919 von besonderer Bedeutung war: 

„Lassen Sie uns denn gemeinsam die Pfade der Erinnerung wandeln. Tun wir es nicht alle gerade in dieser Zeit oft und gern? Fliehen wir nicht aus den Wirren und der Trübsal der Gegenwart trostsuchend in die Vergangenheit? … Ehe wir aber die Gedanken rückwärts wenden, möchte ich noch eins betonen: neben der Macht der Erinnerung hat viele, scheint mir, noch ein zweites, vielleicht halb unbewußt, hergeführt: das Bedürfnis des Zusammenhaltens, der Wunsch, in dieser schwankenden Zeit, wo so vieles stürzt, so viele uns teuere Bande zerrissen sind, alte liebe Bande, die sich gelockert haben, wieder fester zu knüpfen, und zusammenzustehen im Sturm der Zeit. Wie froh haben wir immer die Tatsache begrüßt, daß die ‚Schlösser‘ so zusammenhalten, besonders in der Ferne. Noch als ob von den etwa 6000 Schlössern nicht eine große Zahl dem Schloß entfremdet wäre; Zeit, Lebensverhältnisse und andere Umstände mögen daran schuld sein; aber vielleicht führt diese Zusammenkunft und der geplante Verein manche wieder in unsern Kreis zurück.“ (Winterblatt, März 1920, Nr. 129 „Rede vom 28. September 1919“) 

Erneut werden auch in dieser Rede die schwierigen Zeiten angesprochen, in denen man sich befand. Schwierige Zeiten für Deutschland, aber auch schwierige Zeiten für die Schlossanstalten. 

Das Jahr 1918 hatte nicht nur das Ende des Ersten Weltkrieges markiert. Mit dieser Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts, dem ersten totalen Krieg der Menschheitsgeschichte, endete auch die Geschichte des Deutschen Kaiserreichs und des Herzogtums Braunschweig-Lüneburg. Die traditionellen Herrschafts- und Gesellschaftsordnungen gingen unter, die Monarchie dankte ab und die Republik wurde ausgerufen. Die Weimarer Republik steht für die erste parlamentarische Demokratie in Deutschland und eine Ära technischen Fortschritts. Es sind aber auch die Jahre politischer Morde und des Extremismus, der Hyperinflation und schließlich der Weltwirtschaftskrise. Die Epoche begann mit der Ausrufung der Republik am 9. November 1918. Jede Gewissheit war zerstört – politisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich. Die abgelösten kaisertreuen Kräfte und Führungsschichten wollten überhaupt keine Republik. Sie hofften auf eine parlamentarische Monarchie. Diese Möglichkeit bestand allerdings durch die frühzeitige Ausrufung der Republik nicht mehr.Langfristig sicherte dies die feindselige Haltung der konservativen Kräfte gegenüber dem neuen Staat. Teile der politischen Linke hingegen wollten die Revolution und eine Republik nach sowjetischem Vorbild errichten, in der die Arbeiter- und Soldatenräte die Macht übernehmen würden, was allerdings keine Unterstützung bei der überwiegenden Menge der Deutschen fand. Die junge Republik kämpfte genauso ums Überleben wie viele Deutsche und war vermutlich von Anfang an zum Scheitern verurteilt.

Auch für Wolfenbüttel begann damit eine aufregende Zeit zwischen neuer Freiheit und Fortschritt, die aber zugleich bestimmt war von Depression und wachsendem Extremismus. Wie Deutschland hatte auch Wolfenbüttel harte Kriegsjahre mit Hunger und Not erlebt. Seit 1915 wurden Nahrungsmittel und Brennstoff rationiert, besonders der Winter 1916/17, der sogenannte Steckrübenwinter, war in grausamer Erinnerung. 

Ein neues Bild der Kriegsjahre waren Frauen in Männerberufen – auch in bisher kaum zugänglichen Branchen wie der Metall- und Maschinenbauindustrie. Nicht selten arbeiteten Frauen 50 Stunden in Tag- und Nachtschichten in der Woche, um den Lebensunterhalt für sich und die Familie zu bestreiten. Für einen Lohn, der um ein Drittel oder bis zur Hälfte niedriger war als bei Männern. Immer mehr weibliche Kräfte arbeiteten in der Ravensberger Spinnerei, in den  Wolfenbütteler Konservenfabriken, bei der Möbelfabrik Knust und auch bei Welger. Mit dem Ende des Krieges und der langsamen Umstellung der Kriegs- auf die Friedenswirtschaft änderte sich dieses Bild fast schlagartig. Die Männer kamen zurück aus dem Krieg, die Frauen mussten in die Familien zurückkehren. 

Am 8. November 1918 dankte Herzog Ernst August ab, aus dem Herzogtum Braunschweig wurde eine sozialistische Republik unter der Regierung von Arbeiter- und Soldatenräten. Geradezu symbolisch steht der Schlossbrand im Dezember 1918 für das Ende der Monarchie. Es waren jedoch nicht brandschatzende Revolutionäre, die das Schloss beschädigten, sondern unvorsichtige Bewohner der Schule und unüberlegte Baumaßnahen, die den Schaden anrichteten. Am 18. Dezember 1918 hatte man um 2:45 Uhr Rauch in den Schlossräumen bemerkt. Die Internatsschülerinnen und Lehrerinnen der Schlossanstalten wurden geweckt und mussten die Schlafsäle gemeinsam verlassen. Da die Garderoben nicht mehr zu erreichen waren, musste man sich mit Decken in die kalte Nacht auf den Schlossplatz begeben. Kein Mensch kam zu Schaden, aber ein Sachschaden in Höhe von 150.000 Mark war entstanden und historische Bausubstanz und Kunstschätze unwiederbringlich zerstört. Die auswärtige Presse sah in dem brennenden Schloss ein Sinnbild des Endes des Deutschen Kaiserreiches: „Das Alte stürzt, es ändern sich die Zeiten!“ schrieb das Blankenburger Kreisblatt. Die Räume konnten erst 1921 wieder von der Schule bezogen werden. 

Das Jahr 1919 kam, aber die allgemeine Situation blieb kritisch: Wohnungsnot, Lebensmittelnot, Schwarzmarkt, politische Versammlungen geprägt von Radikalismus, Antisemitismus, Belagerungszustand, Aufstellung einer  Einwohnerwehr zum Schutz der Bevölkerung, Betriebsstilllegungen aufgrund von Kohle- oder Rohstoffmangel, Einstellung der Produktion, Streiks und Arbeitslosigkeit. 

Mit einer Fülle von Anordnungen und Gesetzen versuchte die Regierung die neue freiheitliche Ordnung zu regeln, meistens mit wenig Erfolg. So waren die Arbeitszeiten seit Ende 1918 per Gesetz auf einen Achtstunden-Tag festgesetzt, die Realität allerdings sah oft anders aus: 12 bis 13 Stundentage waren nicht nur im Saisonbetrieb der Konservenindustrie oder der Zuckerfabriken üblich. Streiks in allen Bereichen blieben bis 1923 an der Tagesordnung, ob Schneidergesellen, Fabrikarbeiter oder Gärtner, man kämpfte für mehr Lohn und geregelte Arbeitszeiten. Das Jahr 1923 bedeutete die Zuspitzung aller Probleme durch die Hyperinflation, den Zusammenbruch der Wirtschaft, der natürlich von Unruhen begleitet war. Erst am Ende des Jahres 1924 erholte sich die Wirtschaft nach der Währungsreform, der Umstellung auf „Rentenmark“ und Reichsmark wieder. Im Jahr 1926 standen die Zeichen in Europa auf Aussöhnung und Entspannung. Deutschland wurde in den Völkerbund aufgenommen und schloss mit der UdSSR einen Freundschafts- und Neutralitätsvertrag. Der deutsche Außenminister Gustav Stresemann, der noch im selben Jahr Wolfenbüttel besuchte, und sein französischer Amtskollege Aristide Briand wurden für ihre Friedensarbeit mit dem Nobelpreis ausgezeichnet. 

In Wolfenbüttel indes zogen bereits 1926 wieder dunkle Wolken auf. An der Oker ging es wirtschaftlich bergab. Die Eisengießerei Brandes & Co. ging in Konkurs, auch die Rav-ensberger Spinnerei, Filiale Wolfenbüttel, wurde erneut für eine gewisse Zeit stillgelegt. Weitere mittelständische Unternehmen vor Ort mussten aus wirtschaftlichen Gründen aufgeben. Die Zahl der Erwerbslosen stieg, 170 Familien waren ohne Wohnung. Vorboten der Weltwirtschaftskrise von 1929, die endgültig das Todesurteil der Weimarer Republik bedeutete.

Von der Töchterschule zum Lyzeum

Auch die Entwicklungen für die Schule waren in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg dramatisch. Nach der Gründung als privates Erziehungsinstitut im Mai 1866 waren die Schlossanstalten unter der Leitung Anna Vorwerks in den folgenden Jahrzehnten zu einer großen und weitverzweigtem Bildungs-und Ausbildungsstätte für Mädchen und Frau-en mit Kindergarten, Elementarschule, Lehrerinnenseminar, Höherer Töchterschule, Internat, Mittelschulkursen, Gewerbeschule, Ausbildungskursen für Handarbeits-, Turn- und Zeichenlehrerinnen, Haushaltungsschule und Feierabendhaus geworden. Nach dem Tod Anna Vorwerks am 18. November 1900 war mit ihrem Vermögen eine Stiftung ins Leben gerufen worden, die den Erhalt der Schloßanstalten zur Aufgabe hatte. Bis 1903 leitete ihre langjährige Kollegin und Freundin Bertha Glöckner die Schulen, dann übernahm  Gertrud Hasse die Führung des Instituts und hatte diese bis 1932 inne. Im Jahr 1912, vier Jahre nach den meisten deutschen Ländern, wurde auch im Herzogtum Braunschweig eine eingeschränkte weibliche Hochschulreife anerkannt. Gleichzeitig erhielt das Institut die Anerkennung als Höhere Lehranstalt, Lyzeum und Oberlyzeum. Ostern 1913 wurden aus den bestehenden Mittelschulkursen eine vollständige sechsstufige Mittelschule. Ein Jahr später (1914) wurden die Schloßanstalten der Herzoglichen Oberschulkommission unterstellt. Dies brachte sie der endgültigen Anerkennung und Gleichberechtigung zum Jungengymnasium einen weiteren Schritt näher. 

Mit Beginn der Inflation nach dem Ende des Ersten Weltkrieges wuchsen die wirtschaftlichen Schwierigkeiten der Privatanstalt. Das Stiftungsvermögen war so zusammengeschmolzen, dass die Stadt Wolfenbüttel die Zahlung der Gehälter für die Lehrkräfte übernehmen musste.  Die Neuordnung des gesamten Schulwesens in der Weimarer Republik brachte auch für die Schloßschule große Veränderungen: die vier unteren Klassen mussten abgebaut werden, die Mittelschule wurde eine eigenständige staatliche Institution, die Töchterschule wurde 1923 von der Stadt übernommen und das Lehrerinnenseminar musste aufgrund neuer Prüfungsregelungen 1925 ebenfalls seine Arbeit einstellen. Im selben Jahr wurde der Ausbau des Oberlyzeums mit Abschluss der Reifeprüfung erlaubt, so konnten 1928 die ersten Schülerinnen ihr Abitur ablegen.

Die Entwicklungen und Veränderungen der Weimarer Republik stellten die „Schloßschulanstalten“, so der neue Name, vor große Herausforderungen und brachten die Schule quasi in eine Identitätskrise. Bis zur Umwandlung in die Anna Vorwerk-Stiftung nach der Jahrhundertwende, hatte die Schule stets ihre Verbundenheit mit dem Herzogtum schon in der Namensgebung betont: „Unterrichts- und Erziehungsanstalten im Herzoglichen Schlosse“. Das war nicht nur eine Ortsbezeichnung oder werbewirksame Benennung aus Prestigegründen, sondern drückte auch die Verbindung mit den Herrschenden aus. So machte jeder Regent des Herzogtums bei seinem Antrittsbesuch im alten Residenzschloss auch einen Besuch in der Schule und wurde mit allen Ehren empfangen. Die Schlossanstalten waren stets standesbewusst, konservativ und kaiser- und welfentreu. Nach der Abdankung des Adels fiel nun eine bestimmende Größe weg, nicht nur das Land und die Landeskirche hatten das herzogliche Oberhaupt verloren, auch die Schloßanstalten mussten sich anders ausrichten. Das Institut, das teilweise der Kirche unterstellt war und sich immer als christliche und herzogliche Schule gesehen hatte, musste sich vollkommen neu organisieren. 

Der Bund geht an die Arbeit

In der Weimarer Republik wurde eine strikte Trennung von Kirche und Staat erlassen. Das bedeutete für die Schule, dass es außerhalb des Religionsunterrichts keine religiöse Betätigung mehr geben sollte, was auch für religiöse Feiern zu Beginn oder zum Abschluss der Vierteljahre galt. Damit fielen nicht nur die täglichen Andachten aus, sondern auch alle Weihnachtsfeiern. Vor diesem Hintergrund gewinnt die Gründung des „Bundes ehemaliger Schloßschülerinnen“ an Bedeutung. Dieser Zusammenschluss war darauf ausgerichtet, Altes zu bewahren, Stabilität zu geben und Traditionen –  egal ob in unseren Augen gute oder schlechte – zu pflegen. So sprang der Schlösserbund bis 1930 als Veranstalter der Weihnachtsfeiern ein und ersetzte mit dem „Schlössertag“ die früher von der Schule ausgerichteten und so beliebten Feiern und Festveranstaltungen. 

Jeder Ehemaligenzusammenschluss einer Schule bietet Zusammenhalt und Verbindung zur Vergangenheit und Schulzeit. Im Fall des Schlösserbundes und der Schlossanstalten war diese Bindung mit der eigenen Schulgeschichte von ganz besonderer Bedeutung. Nach harten Jahren als oft belächelte und private Bildungsunternehmung hatte die Schule nach der Jahrhundertwende endlich die Anerkennung bekommen, für die man so lange gekämpft hatte. Nun fürchtete man um das Bestehen in der Zukunft. Diese Befürchtung veranlasste den Schlösserbund auch zu folgender Eingabe an den Braunschweigischen Landtag, den Minister für Volksbildung,  den Landesschulrat, Stadtmagistrat und die Stadtverordneten, die am 6. November 1922 im Protokollbuch niedergelegt ist: 

„Der Bund ehem. Schloßschülerinnen, dem etwa 1000 Mitglieder im In- und Auslande angehören, hat auf seiner diesjährigen Jahresversammlung mit Bedauern erfahren, daß das Lyzeum, der Kern der Schloßanstalten, in seinem Bestehen gefährdet ist. Der Bund erwartet – von dem Herrn Landesschulrat …  daß er … der Vernichtung von Kulturgütern wehrt … , die während langer Jahre den Ruhm Braunschweigs weit über die Grenzen Deutschlands getragen haben. Die Vernichtung der Schloßanstalten würde den Ruf des Braunschweigischen Schulwesens schmälern; durch ihre Erhaltung und Ausgestaltung dagegen könnte der Freistaat Braunschweig fördernd auf die Neugestaltung des höheren Mädchenschulwesens im Reiche wirken. …  Der Bund erwartet von den Vätern der Stadt, daß sie der Vernichtung von Kulturgütern wehren, die während langer Jahre den Ruf Wolfenbüttels als Schulstadt weit über die Grenzen Deutschlands getragen haben. Wolfenbüttel wird nie darauf verzichten können noch wollen, seinen Töchtern in seinen eigenen Mauern eine höhere Schulbildung zu bieten, die ihnen Zugang zu zahlreichen Berufen erst ermöglicht. Diese würde sich aber sicher auf keinem andern Wege billiger erreichen lassen als durch Fortführung und Ausbau der Schloßanstalten.“

In dieser Vereinsgründung bürgerlicher Mädchen und Frauen ging es auch um das Festhalten alter Gesellschaftsstrukturen und die Angst vor dem Kommenden. Der „Bund ehemaliger Schloßschülerinnen“ sah sich ganz in der Tradition Anna Vorwerks, an die bei allen Gelegenheiten erinnert wurde. Die „Blätter aus dem Schlosse“ und das Protokollbuch des Vorstandes geben nicht nur Aufschluss über die Vereinsaktivitäten, sie sind auch die einzigen konstanten Quellen zur Vereinsgeschichte. 

Mit den „Blättern aus dem Schlosse” hatte Anna Vorwerk 1887 ein Organ, mit dem sie regelmäßig an die Öffentlichkeit trat. Die Schulleiterin hielt mit fast allen Absolventinnen des Seminars zunächst persönlichen Briefkontakt. Als die große Zahl der Ehemaligen dieses nun nicht mehr zuließ, schickte sie zunächst Rundbriefe, um den Kontakt weiter zu halten. Diese Briefe enthielten Berichte über Ausflüge, Feierlichkeiten und Geschehnisse, die mit den Schloßanstalten im Zusammenhang standen. Auf Grund der stetig wachsenden Schülerinnen- und Absolventinnenzahlen war jedoch diese Möglichkeit der Kontaktpflege nicht mehr lange aufrecht zu erhalten. Aus diesem Grund  wurden die „Blätter aus dem Schlosse” von Anna Vorwerk ins Leben gerufen. In dieser Zeitung schrieb nicht nur Anna Vorwerk selbst über alles, was  in der Schule und den Schülerinnen und Mitarbeiterinnen passierte, auch andere Interessenten  konnten sich hier zu Wort melden. Ab dem  Jahr 1888 wurden die gedruckten „Blätter aus dem Schlosse” regelmäßig für eine Mark vierteljährlich an die ehemaligen Zöglinge und Mitarbeiter der Schule gesandt. Da Anna Vorwerk für die Druckkosten persönlich aufkam und die Beiträge nicht honoriert wurden, kamen die Einnahmen des Blattes, die nicht für die Versandkosten benötigt wurden, bedürftigen „Schloßkindern“ zugute. 

Diese Schlosszeitung wurde auch nach dem Tod Anna Vorwerks weitergeführt und existiert bis heute. Wie der Schlösserbund, der seit 1935 als Herausgeber der Hefte fungiert, schafften und schaffen die Hefte die Verbindung zur Schule und bericht(et)en über die Aktivitäten des Schlösserbundes. 

Die Frage der Finanzen 

Nach der feierlichen Gründung des Schlösserbundes am 28. September 1919 folgte die erste Sitzung des Vorstandes „des Bundes ehemaliger Schloßschülerinnen“. Dabei wurden nicht nur die Ämter und Aufgabenbereiche verteilt, sondern auch schon die ersten Änderungen festgelegt. Denn aus dem Bund „alter“ Schloßschülerinnen, wie es noch in der Satzung festgelegt worden war, waren nun „ehemalige“ Schloßschülerinnen geworden, damit sich auch die jüngeren Absolventinnen angesprochen fühlten. Weiterhin wurde festgelegt, dass nur „Schulentlassene“ vom 16. Lebensjahr an aufgenommen werden konnten. Sollten gegen diese Änderungen keine Widersprüche eingehen, würde die neue Satzung am 1. Januar 1920 in Kraft treten. 

Die wirtschaftlich schwierigen Zeiten der Weimarer Republik stellten den Schlösserbund von Anfang an vor große Herausforderungen. So ist im April 1920 aus den Vorstandsprotokollen zu erfahren, dass von 792 Abonnenten der „Blätter aus dem Schlosse“ 354 ihren Beitrag noch nicht bezahlt hatten, obwohl Zahlungskarten den Blättern beilagen. Der Bund hatte große Schwierigkeiten die noch offenen Rechnungen zu begleichen und achtete fortan sehr genau auf die zu leistenden Kosten. 

Die Einnahmen des „Bundes ehemaliger Schlossschülerinnen“ setzten sich zusammen aus den Mitgliedsbeiträgen, Spenden und Eintrittsgeldern von Veranstaltungen wie dem alljährlichen Schlössertag. Aus diesen Einnahmen wurden regelmäßig Beträge für die Schlossblätter und das Feierabendhaus geleistet, auch die Pflege des Grabes Anna Vorwerks wurde vom Schlösserbund übernommen. 

In den Folgejahren tritt der Schlösserbund nur selten an die Öffentlichkeit. Sehr unregelmäßig wird in den „Blättern aus dem Schlosse“ über die alljährliche Zusammenkunft beim damals noch zweitägig stattfindenden „Schlössertag“ und einzelne Aktivitäten berichtet. Das ist auch der Tatsache geschuldet, dass die Schlossblätter in den Krisenzeiten und Jahren des Mangels in der Weimarer Republik nicht mehr regelmäßig erschienen, oft liegen mehr als zwölf Monate zwischen den Ausgaben. Es fehlte an Papier und an einer soliden finanziellen Basis, um die Hefte regelmäßig zu verschicken. So wird im Juni 1924 jedes „alte Schloßkind“ aufgefordert, sofort nach Erhalt des neuen Schlossbattes  folgendes zu tun: „Also nochmal die dringende Bitte: wem am Schloßblatt liegt, der ermögliche es durch sofortige Zahlung von 1 M!“ Spendenaufrufe gibt es in diesen Jahren sehr häufig, aber im Unterschied zur Gründungsphase oder zu späteren Aktionen, werden die Schlösserinnen Mitte der 20er Jahre ermuntert, für ältere, notleidende Lehrerinnen zu spenden. 

Die Durchführung der alljährlichen Weihnachtsfeier, die durch die Erlasse der Weimarer Republik – wie schon erwähnt – nur noch als außerschulische Veranstaltung stattfinden durfte, wurde vom Schlösserbund übernommen und ins Gemeindehaus der Hauptkirche verlegt. Finanziert wurde sie zum größten Teil durch Spenden. Die auf dem Schlössertag eingenommenen Spenden beliefen sich 1922 auf 1.500 Mark, davon mussten allein 1.200 Mark für die Miete des Gemeindehauses entrichtet werden. Durch die Inflation stiegen die Preise ins Unermessliche, so sind folgende Summen für den Schlössertag im September 1923 im Protokollbuch verzeichnet: Die Eintrittsgelder für den Schlössertag belaufen sich auf eine Million Mark, davon fielen 100.000 Mark dem Schlösserbund zu, 900.000 Mark wurden dem Schloßblatt zugewiesen. Im September 1924 wurde zur Vereinfachung der Finanzierung beschlossen, die „Schloßblatt- und Bundeskasse“ zusammenzulegen, damit erhielt man nach der Zahlung des Bundesbeitrags von 3 Mark ohne zusätzliche Kosten auch die „Blätter aus dem Schlosse“ – eine Regelung, die bis heute gilt.

Im Jahr 1925 wurden folgende Kosten erhoben: 1 Mark Mitgliedsbeitrag für den Schlösserbund und 1,50 bis 2 Mark für das Schloßblatt. Wer zwei Jahre nicht bezahlte, sollte fortan ausgeschlossen  werden. Alle säumigen Zahlerinnen, die nicht selten noch zwei bis drei Jahreszahlungen schuldeten, wurden ermahnt dieses nachzuholen. Zugleich konnten sich allerdings diejenigen melden, die die Beträge nicht entrichten konnten, ihnen sollten Freiexemplare zukommen. 

Die Schlössertage fanden nach wie vor regelmäßig einmal jährlich statt, wenn auch nicht mehr im Schloss, sondern in Antoinettenruh. Man traf sich zum gemeinsamen Essen und zur Kaffeetafel, meist stand ein Vortrag auf dem Programm, im Anschluss fand die Vereinssitzung statt. Gemeinsames „Bundeszeichen“ war damals eine grüne Schleife, von der allerdings nur wenige Male berichtet wird. Ob der Lokalwechsel mit dem Wechsel in der Organisationsform der Schule und den Erlassen der Weimarer Republik zu tun hat, ist nicht mit Sicherheit zu sagen, aber zu vermuten. Aus dem privaten Erziehungsinstitut war eine städtische Schule geworden. Außerdem wurde der „Konzertsaal“ im Schloss für die Stadtverordnetenversammlung genutzt, so musste der Schlössertag langfristig seine angestammten Räumlichkeiten verlassen.

Am Ende? 

Im Jahr 1932 hatte das Oberlyzeum Wolfenbüttel nur noch circa 200 Schülerinnen. Als die Leiterin Gertrud Hasse aus dem Dienst schied, wurde ihre Stelle nicht mehr besetzt. Die Mädchenschule wurde der Jungenoberrealschule angegliedert, die ins Schloss einzog,  und deren Schulleitern unterstellt. Die Praxis der nationalsozialistischen Bildungspolitik veränderte auch die Anna-Vorwerk-Schule. Der Schule wurde verboten, den Namen der Gründerin zu tragen, und die Oberstufe wurde abgebaut, sodass das Abitur nicht mehr abgelegt werden konnte. Die Schülerinnen, die Abitur machen wollten, mussten  die Oberstufe der Jungenschule besuchen oder ins Braunschweiger Oberlyzeum wechseln. 1938 wurde dafür eine neue Oberstufe hauswirtschaftlichen Charakters eingerichtet, ab 1940 wurde mit dem Aufbau eines neusprachlichen Zweiges begonnen. 

Vom „Bund ehemaliger Schloßschülerinnen“ ist in diesen Jahren wenig zu erfahren. In den unregelmäßig erscheinenden Schlossblättern wird nur mit großer Regelmäßigkeit Rechenschaft über die Mitgliedsbeiträge und die Finanzierung des Heftes berichtet. Nachrichten oder Vermerke zu Ausschlüssen oder Austritten finden sich nicht. 

Die „Blätter aus dem Schloss“ erschienen weiter, nach 1933 in einem äußert nationalistischem Ton, der Zeit entsprechend. In den Ausgaben nach 1939 änderten sich dann die Berichte und Themen der Blätter. Zu den Geschehnissen der Kriegsjahre und dem nationalsozialistischen Alltag wurde nichts gesagt, die Artikel und Berichte thematisieren hingegen die Gründungszeit der Schule im 19. Jahrhundert und die Leistungen und Errungenschaften Anna Vorwerks. So vermied man, mit den nationalsozialistischen Machthabern in Konflikt zu geraten und klar Stellung zu beziehen. 

Der Schlösserbund lebt

Deutschland lag in Trümmern. Auch wenn es Wolfenbüttel nicht so getroffen hatte, gab es wohl erst einmal Wichtigeres als den Schlösserbund. Ostern 1945 hatte Dr. Naumann wieder die Schulleitung übernommen, die ihm von 1932 bis 1936schon einmal oblag. Tatsächlich gab es aber erst sporadischen Unterricht ab dem 1. Oktober 1945 und die offizielle Unterrichtserlaubnis wurde den Schlossanstalten erst 1946 erteilt.

Am 14. Mai 1949 ,kurz bevor der schon seit Anfang der 30er Jahre zum Kollegium gehörende Dr. Kößler für die nächsten fünf Jahre Schulleiter wurde, gründete sich auf seinen Anstoß und mit dem unermüdlichen Einsatz des Mitgliedes Herta Curland der Schlösserbund mit über 600 Teilnehmerinnen neu.

Sie trafen sich samstags zum gemütlichen Beisammensein und Erzählen im Saal von Antoinettenruh und am Sonntag zur Jahresversammlung im Theatersaal des Schlosses.

Am 30.September wurde die Neugründung durch den Landkreis in den Wolfenbütteler Stadt- und Kreisnachrichten veröffentlicht, so wie es die Militärregierung vorschrieb.

Unter dem Vorsitz Ruth Schwanneckes nahm das Vereinsleben wieder Fahrt auf. Im Mai 1950 wurden mit der Unterstützung der Schule in Person des Dr. Söchting wieder Schlossblätter versandt, die vor allem Ereignisse und Veränderungen in der Schule seit dem Kriegsende zum Thema hatten und zum nächsten Schlössertag einluden.

Und schon 1952 konnten die „Schlösser“ mit einem Bazar zur Herrichtung eines schuleigenen Lese- und Aufenthaltsraums den stolzen Betrag von 1852 Mark beisteuern. Gleichzeitig begannen die Mitglieder aus Wolfenbüttel und Umgebung den „Schwestern“ in der „Ostzone“ kleine Weihnachtspäckchen zu schicken. Auf die etwa 60 Aussendungen folgten dankbare Briefe. Das verbindende Element des Bundes war zu dieser Zeit ein sehr persönliches, ein direktes. Diese Haltung muss man wohl vor allem im Kontext der Zeit sehen. Es geht auch nicht klar aus den Protokollen hervor, wie viel davon privat und wie viel vom Bund finanziert wurde.

1955 wurde der Verein mit seiner Satzung in das Vereinsregister des Amtsgerichtes Wolfenbüttel eingetragen. Elisabeth Wienbreyer übernahm den Vorsitz.   Sie war schon seit 1924 durchgängig aktiv. Zunächst als Schriftführerin und ab 1931 als stellvertretende Vorsitzende.

Die Vereinigung der Jungen- und Mädchenschule im Schloss wurde aufgehoben und Frau Dr. Ingeborg Baatz, die Nachfolgerin von Dr. Kößler hielt Ihre erste Rede vor dem Kollegium, die sie mit dem Satz beschloss: Eine Stunde nachdenken ist besser als eine Woche gut arbeiten.

Das Ziel der geborenen Ostpreußin, die während des Krieges in den Auslandsämtern der Universitäten Rostock, Straßburg und Wien gearbeitet hatte, war der geistige Austausch zwischen den Völkern, der zur inneren Bereicherung und echter Toleranz führen sollte. Dieses verfolgte sie in den 22 Jahren, die sie Schulleiterin war. Gemeinsam mit Frau Korsch gehörte sie dem Schlösserbundvorstand an. Das Schlösserblatt organisierten Dr. Söchting und Frl. Abry.

Zusammenhalt wird groß geschrieben

In Braunschweig und Göttingen bildeten sich die ersten Freundeskreise, die zwischen den Schlössertagen eigene Treffen organisierten. 1966 gründete sich in der DDR ein Kreis, der sich zum ersten Treffen in Potsdam traf und dann die Treffen in den Raum Halle-Leipzig-Magdeburg verlegte, weil dort die meisten Teilnehmerinnen lebten. Später gab es noch weitere Gruppen in anderen Städten, die sich regelmäßig trafen und dann weniger Lust zur Teilnahme an Schlössertagen verspürten. Aber der Zulauf zum Bund blieb ungebremst groß.

Legendär müssen zu der Zeit in der Anna-Vorwerk-Schule die Assesportfeste gewesen sein, zu denen der Musikzug der Großen Schule auf dem Schlossplatz aufspielte, bevor die Schülerschaft geschlossen zu Fuß in die Asse zog. Mitte der Sechziger wurden die Beiträge des Vereins von 4 DM auf 5 DM angehoben, auch weil es zu den Gepflogenheitenvieler Mitglieder gehörte, nicht – oder nur unregelmäßig – die Beiträge zu zahlen,  die Kasse aber gefüllt sein musste, um den Versand der Hefte und alle Aktivitäten zu bezahlen.

Schon gar, wenn man der Schule zum Jubiläum etwas schenken wollte. Zu diesem Anlass 1966 wurde der anstehende Schlössertag in das Jubiläumsprogramm eingebettet: die Ehemaligen bekamen die Kinderoper von Albrecht Rosenstengel: „Max und Moritz“ dargeboten und konnten auch am Jubiläumsball der Schule teilnehmen.   Die Schule erhielt zunächst als Geschenk eine Filmkamera, die gleich zum Festhalten der Feierlichkeiten eingesetzt wurde. Zum Schuljubiläum hatte man auch wieder die schon in der Zeit vor dem Krieg gebräuchliche Anstecknadel neu aufgelegt, um sie zu verkaufen.In einer rückblickenden Zusammenfassung auf die Jubiläumswoche schrieb eine beeindruckte ehemalige Schülerin:  Möge unsere Schule kommenden Generationen das bleiben, was sie uns gewesen ist!

Ein Jubiläum jagt das andere

Erst 1969 kam es zur Übergabe des eigentlichen Jubiläumsgeschenkes an die Schule, nach einer 8-jährigen Vorlaufzeit und langen Verhandlungen mit dem Künstler, der Schulleitung und der Stadt Wolfenbüttel. Trotzdem war der Termin sehr traditionell aufgeladen: bestand der Schlösserbund doch inzwischen 50 Jahre und war seit 20 Jahren wieder aktiv.

Feierlich umrahmt von Beiträgen des Posaunenchors wurde der Nixenbrunnen eingeweiht. Ein Geschenk, dass nach der ersten Inbetriebnahme viel Freude auslöste. Später stellte sich heraus, dass das Wasserplätschern für den Musikunterricht störend war und so haben nur wenige Schülerinnen (und später auch Schüler) den Brunnen in Betrieb erlebt.Ein Umsetzen an einen weniger störenden Platz wurde erwogen, aber aus Kostengründen verworfen. 2009 holte der Schlösserbund aus Anlass des 40jährigen Jubiläums der Brunnenstiftung Kostenvoranschläge ein, die Technik des Brunnens wieder zu aktivieren und den Brunnen generalüberholen zu lassen.  Doch sehr zeitnah zeichneten sich mit den Erweiterungsplänen der Schule ganz neue Optionen ab, die es angeraten erscheinen ließ, den Geldeinsatz zunächst zu stoppen.

Im Jahr 2012 musste der Brunnen dann dem Neubau weichen sollte aber später einen neuen Platz bekommen. Den bekam er dann auch auf dem Betriebshof der Stadt Wolfenbüttel, wo er auf mysteriöse Weise verschwand.

Jungen im Schloss- was nun?

In Wolfenbüttel öffneten sich die traditionellen Schulen für die Koedukation, da konnte auch die Anna-Vorwerk-Schule nicht darüber hinweggehen. Und so wurde 1969 der erste gemischte Jahrgang gestartet. Der Preis dafür? Aus der Anna-Vorwerk-Schule wurde ziemlich bald das Gymnasium im Schloss.

Da überrascht einen schon die spätere Begründung, dass der alte Name nicht für Jungen geeignet sei. Denn: Um die Koedukation schmackhaft zu machen wird 1969 in den Schlossblättern Nr. 40 noch argumentiert, dass schließlich vom ersten Tage an Mädchen und Jungen die Elementarklassen besuchten, bis eine Anordnung der braunschweigischen Schulbehörde dieses im Jahr 1872 beendete – sehr zum Kummer Anna Vorwerks, die die Anwesenheit von Jungen „ein anregendes Element“  nannte.

Der Artikel schloss 1969 mit dem Satz: „Wenn nunmehr nach 100 Jahren wieder Jungen aufs Schloß gehen, wird an eine alte Tradition angeknüpft und Anna Vorwerks Wunsch nach einer gemeinsamen Erziehung erfüllt.“

1970 musste der Schlössertag überraschend ins Kaffeehaus verlegt werden, da die Traditionsgaststätte Antoinettenruh ein Vierteljahr vorher abgebrannt war. Von da an wurde zunächst dort, dann abwechselnd im Renaissancesaal, im Schützenhaus und im neuen Musiksaal getagt.

Nach 45 Jahren aktiver Vorstandstätigkeit verabschiedete sich Frau Wienbreyer auf dem Schlössertag 1970. Ihre Nachfolgerin stellte den Gegenrekord auf. Sie war weniger als 6 Monate im Amt und noch nicht gerichtlich eingetragen, als sie dieses Amt aus privaten Gründen schon wieder aufgeben musste. Die neue Vorsitzende ab 1971, Karin Axenfeld, konnte bis Mitte der 70er Jahre immer noch rund 650 Mitglieder zu den Schlössertagen einladen. Sie setzte das unter Frau Wienbreyer etablierte Kulturprogramm mit Fahrten und Besichtigungen fort. Auch 20-25 Ostpakete wurden noch jedes Weihnachtsfest verschickt. Hin und wieder nahmen sogar Ehemalige aus der DDR an Schlössertagen teil, denen dafür finanziell unter die Arme gegriffen wurde, die aber zugleich auf Grund der schwierigen Situation seit der DDR-Gründung beitragsfreie Mitglieder sein durften.

1978 wurde Frau Dr. Baatz in den Ruhestand versetzt und von der neuen Schulleiterin Dr. Rosemarie Henning abgelöst. Pünktlich zum ersten gemischten Abiturjahrgang 1979 nannte sich der „Bund ehemaliger Schlossschülerinnen“ in Schlösserbund um. Das erschien nötig, damit sich zukünftige Absolventen nicht ausgeschlossen fühlen konnten.

Gesellschaft im Wandel

In den folgenden Jahren sank die Teilnahme an Schlössertagen spürbar. Waren es 1987 noch 100 Gäste, konnten ein Jahr später nur noch 57 Ehemalige begrüßt werden. Es waren aber immer noch mehr als 500 Mitglieder im Bund. Auch der Fall der Mauer veränderte im Schlösserbund nichts. Die „DDRMitglieder“ waren ohnehin schon im Alter der Reisefreiheit und bis 1996 tauchten sogar noch Paketkosten für Ostpakete im Rechenschaftsbericht auf.

1990 ging Dr. Henning in den Ruhestand. Mit Ellen Thies kam 1991 eine ehemalige Schlossschülerin als Schulleiterin zurück an ihre alte Schule.

Der Mitgliedsbeitrag im Schlösserbund war inzwischen auf 10 DM/Jahr gestiegen - der Schlossblätterversand machte das nötig: 3 DM pro Heft. Durch alle Jahre finden sich in Protokollen und Schlossblättern Hinweise auf die schlechte Zahlungsmoral der Mitglieder und entsprechende Aufrufe des Vorstandes doch bitte der Zahlungsverpflichtung nachzukommen. Es ist wohl der großen Mitgliederzahl an sich zu verdanken, dass trotz regelmäßiger Zuwendungen an diverse Fachgruppen der Schule und Geschenke an Abiturienten sowie den üblichen Ausgaben für Erstellung und Versand der Schlossblätter ein Vereinsvermögen aufgebaut werden konnte, auf dessen Grundlage noch heute gewirtschaftet werden kann. Zum Beispiel durch Geldanlagen, die in einem Jahr 750 DM Zinsen abwerfen konnten(lang ist es her).

Die Vorsitzende Karin Axenfeld trug sich einige Jahre mit dem Gedanken ihren Vorsitz zu beenden, es fand sich aber kein Nachfolger. Auf dem Schlössertag 1998 änderte sich das. Christine Brandes erklärte sich bereit, ein Jahr lang zu hospitieren, um sich auf dieser Grundlage für eine Kandidatur 1999 zu entscheiden. Sie wurde gewählt und lenkt bis heute die Geschicke des Vereins.

Im Jahr 2000 schieden einige der langgedienten Vorstandsmitglieder aus. Da sie z. T. mehr als 30 Jahre Vorstandsarbeit aufweisen konnten, wurde es ein Jahr der Ehrenmitgliedsernennungen.

Die neuen Vorstandsmitglieder überarbeiteten die alte Satzung und auch das Computerzeitalter zog ein: digitalisierte Mitgliederlisten machten den Anfang. Dabei stellte sich heraus, dass es unverhältnismäßig viele Menschen gab, die als Mitglieder geführt wurden, obwohl sie seit vielen Jahren keine Beiträge zahlten oder gar längst verstorben waren.  Erinnerungsschreiben blieben teilweise erfolglos, so musste  gehandelt werden.

Waren 2001 noch über 370 Mitglieder gelistet, sind es Anfang 2003 nur noch knapp 250, was der Kassenlage und den Zahlungseingängen keinen Einbruch bescherte, auch weil im Jahr 2002 der Mitgliedsbeitrag im Zuge der Euro-Einführung auf „mindestens 15 Euro“erhöht wurde. Der Verein war so auch weiterhin in der Lage der Schule nahezu jährlich große Geschenke zu machen (allein von 1986 bis zur Jahrtausendwende waren es 25.000 DM gewesen, die der Schule zu Gute gekommen waren): Nun startete es mit   Zuschüssen zu Internetkosten im Jahr 2000. Es folgten Versuchskoffer für die Physik, immer wieder IT-Ausstattungen, Zuschüsse zu Instrumentenkäufen, Beleuchtung für die Theatersparte, 5000€ Zuschuss zur Bibliothekserneuerung im Jahr 2005, Zuschüsse für die SKSG (Ski- und Kanusportgruppe), Spielgeräte.

Es wurden insgesamt rund 35.000 Euro bis zum heutigen Tag.

Eine Änderung der Satzung hatte 2003 zur Folge, dass der Verein den Status der Gemeinnützigkeit erhielt.

Für den Tag der Geschichte am 29. Mai 2005 wurde eine Ausstellung zur „Geschichte der Mädchenbildung“ und zur „Schulgeschichte“ erarbeitet und im Schlosshof der interessierten Öffentlichkeit präsentiert.

Ab 2008 entschied man sich den Schlössertag mit dem neu ins Leben gerufenen Ehemaligentag zu verknüpfen. Seitdem wird das im Zwei-Jahres-Rhythmus mit unterschiedlicher Resonanz fortgesetzt. Eine extrem positive Ausnahme bildete dabei das Jahr 2016 in dem Ehemaligentag, Schlössertag und Schuljubiläum zusammenfielen.

Zu diesem Anlass war zwischenzeitlich eine weitere Ausstellung entstanden: „Blätter aus dem Schlosse – ein Rundbrief im Wandel“. (siehe auch. Geschichte der "Blätter aus dem Schlosse")  

Immer im Kontakt

Die „Blätter aus dem Schlosse“ waren ja seit Anna Vorwerk DAS verbindende Glied zwischen allen Beteiligten. Sie erschienen anfangs in gleichmäßigem Takt, dann mal mehr, mal weniger regelmäßig in den Jahren des letzten Jahrhunderts. Manchmal fielen sie auch erbärmlich dünn aus. Das hat sich in den letzten zwanzig Jahren geändert.Zunächst gab es wieder einen verlässlichen Versandzeitraum, dann wurden die Titelbilder in jeder Ausgabe gewechselt, der Einband wurde erst dicker, dann farbig gestaltet und heute haben wir ein Heft, dass im Regelfall zweimal jährlich 20 Seiten Information liefert.

Ausnahme war das Schuljubiläumsjahr mit leicht erhöhten Umfängen und das ganz besondere Jubiläumsjahr 2019 mit 3 Ausgaben und dem dicksten Heft, das jemals erschienen ist: es hatte 44 Seiten. Noch halten wir am traditionellen Ausgabeformat fest und möchten es nicht durch ein E-paper ersetzen. Momentan ist diesbezüglich dem Wunsch nach Digitalisierung Genüge getan, wenn man zurückliegende Ausgaben auf unserer Homepage einsehen kann.

Neue Wege

Im Jahr 2020 gab der Schlösserbund das Kochbuch "Kasimir und Hischhornsalz" heraus. Es konnte zu keinem  passenderen Moment erscheinen, da die Ereignisse des Jahres ansonsten wenig Spielraum für Vereinsarbeit ließen.

Wir hoffen unsere Mitglieder sind weiterhin zufrieden mit unserer Arbeit, bleiben uns treu und helfen uns den Bund am Leben zu halten.                                                               Gehen Sie hinaus und erzählen Sie von uns. 

Getreu dem Motto: „Es ist doch etwas Großes um unser Schloss und Du gehörst ihm an!“

Dr. Sandra Donner und Christine Brandes